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20 Jahre Klais-Orgel im Audimax

Stummfilm & Orgel: Die Stadt ohne Juden (1924)

Mo, 15.10.2018, 18 h, Audimax
mit Christian Groß (Leipzig)

Wir feiern den 20. Geburtstag der großen Klais-Orgel im Audimax der RUB mit Veranstaltungen rund um die "Königin der Instrumente".


Am 15. Oktober um 18 Uhr, zum Abschluss des Jubiläumswochenendes zum 20. Geburtstag, ertönt die Klais-Orgel im Audimax als Begleit- bzw. Leitinstrument für einen Stummfilm. Mit Christian Groß (Leipzig) konnte dafür ein versierter und bereits mit einigen Preisen für Stummfilmimprovisation ausgezeichneter Organist gewonnen werden.

Mit dem österreichischen Stummfilm Die Stadt ohne Juden (1924) wird eine Produktion gezeigt, die erst kürzlich wieder in ihrer ursprünglichen Fassung hergestellt werden konnte. Was bei der Uraufführung 1924 als satirische Komödie gedacht war, erscheint heute als merkwürdiges Zeitdokument: teils hellsichtige Warnung vor der Shoa, teils blinde Wiederholung von gängigen Stereotypen und Ideologien, die zur Ausgrenzung von Juden eingesetzt wurden. Der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Oliver Fahle gibt eine Einführung.

Restaurierter Film feierte erst kürzlich Premiere

Der Film war ursprünglich kein Erfolg. Das Ende galt lange Zeit als verschollen. Erst 2016 fand man eine vollständige Kopie auf einem Pariser Flohmarkt, die – durch Crowdfunding – restauriert werden konnte und im März 2018 in Wien Premiere feierte.

Darum geht es

Die Stadt ohne Juden verdichtet die damaligen antisemitischen und faschistischen Diskurse zu einer beklemmenden Dystopie: Der Rat der Stadt Utopia beschließt die Ausweisung aller Juden, weil sich dadurch angeblich alle drängenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme auf einmal lösen würden. Familien und Liebende werden auseinandergerissen. Die Juden verlassen gebrochen, aber gehorsam die Stadt. Und selbstverständlich ändert sich nichts zum Guten. Im Gegenteil: Die Stadt verkümmert. Durch einen Trick, der den fanatischen Judenhasser Bernart außer Gefecht setzt, gibt es eine neue Abstimmung. Die Juden dürfen zurückkehren. Alles wird gut: "Wir sind ja alle nur Menschen und wollen keinen Hass. Leben wollen wir – ruhig nebeneinander leben" (1:18:01). Mit der Grundidee, durch die Konkretisierung politischer Slogans deren Absurdität und Unmenschlichkeit vorzuführen, steht Die Stadt ohne Juden in einer langen satirischen Tradition, die man u.a. auch in Christoph Schlingensiefs Reality-Performance Bitte liebt Österreich! (2000) findet.

Der Film von Regisseur Hans Karl Breslauer (Drehbuch: Ida Jenbach) verbindet Albernheit und Klamauk mit Melodramatik. Hans Moser spielt den grantelnden Wutpolitiker, der auch mal betrunken um die Häuser torkelt oder am Wirtshaustisch einschläft. Liebende kneifen sich neckisch und augenrollend in die Backen oder ringen verzweifelt die Hände. Auch die jüdischen Figuren sind oft klischeehaft gezeichnet: als pathetisch-arme Ostjuden, als reiche Bankiers oder clevere Schlitzohren.

Film basiert auf kontroversem Bestseller

Der Film basiert auf dem Roman von Hugo Bettauer Die Stadt ohne Juden: Roman von Übermorgen (1922), der im Gegensatz zum Film ein Bestseller war und 1925 von Artur Landsberger als Berlin ohne Juden adaptiert wurde. Bettauer war in Wien bekannt als Schriftsteller, Journalist und Verleger aufklärerischer Zeitschriften. Er wurde 1925 von Otto Rothstock ermordet. Dem mit den Nationalsozialisten zumindest sympathisierenden Täter wurde von der Bevölkerung und den Staatsorganen einiges Wohlwollen entgegengebracht. Er wurde vom Gericht als unzurechnungsfähig eingestuft, in eine Heilanstalt eingewiesen und zwei Jahre später entlassen.

Zur Historie von Film und Orgelmusik

Die Frühzeit der Filmgeschichte, als die Bilder noch tonlos über die Leinwand flimmerten, war eine große Stunde für die Orgel. Jenseits der großen Kirchenräume, in denen sie in den vergangenen Jahrhunderten beheimatet war, aber auch jenseits der Konzertsäle des 19. Jahrhunderts, wo sie bald eine ähnlich sakrale Funktion übernahm wie bisher in religiösen Kontexten, konnte das Instrument beim Film in einzigartiger Weise mit seiner klanglichen Vielfalt Stimmungen erzeugen – zumal dafür nur ein einzelner Organist notwendig war, um mit seiner Fantasie den Bildern zusätzliches Leben einzuhauchen. Jeder, der einmal einen der heutigen Filme ohne den dazugehörigen Ton gesehen hat, wird die Überzeugung teilen, dass das Auge in gewisser Weise „mithört“.

Seit jeher spielte die Fähigkeit des Improvisierens eine wichtige Rolle in der Verwendung dieses sperrigen und statischen Instruments, das dem Anschein nach eher ein Ergebnis stupender Ingenieurskunst ist. Vielleicht ist es gerade dieses Spannungsfeld zwischen Maschine und Mensch, das bei der Orgel eine Faszination hervorruft. So wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts Instrumente in die Kinosäle gebaut und mit einem ganzen Arsenal zusätzlicher Geräuscheffekte ausgestattet, die es dem Spieler möglich machten, als Einzelner die Klangregie eines Filmes im Moment der Präsentation zu gestalten.