Der sportliche Akt

- eine kulturgeschichtliche Dokumentation zur Geschichte des sportlichen Aktes in der Fotografie -

19. April - 14. Mai 2004
Eröffnung: Montag, 19. April 2004, 19 Uhr

Eine Präsentation der Fakultät für Sportwissenschaft in Zusammenarbeit mit dem Bereich Fotografie des Musischen Zentrums der Ruhr-Universität-Bochum
zusammengestellt von Priv. Doz. Dr. Peter Kühnst

Foyer des Musischen Zentrums
werktags ganztägig geöffnet


...einige Bilder aus der Ausstellung







Infotext: » Der sportliche Akt « im MZ-Foyer


Die Geschichte des sportlichen Aktes in der Fotografie.

Diese Dokumentation ist in mehrerer Hinsicht interessant: sie zeigt Körpergeschichte, gibt Sequenzen der Entwicklung der Fotografie wieder und lässt Einblicke in unsere ureigene Ästhetik zu - sie zielt also auf unsere rechte Hirnhälfte. Das braucht den Hinweis auf die aktuelle Bildungsdiskussion zur Ästhetik, zur "Ausbildung von Wahrnehmungsfähigkeit, Verstand und Emotion" vor allem der jungen Generation, von der erst kürzlich die Kulturstaatsministerin, Frau Christina Weiss, sprach.
Aber natürlich soll auch an die bevorstehenden Olympischen Spiele in Athen erinnert sein und nicht zuletzt an das vom Europarat deklarierte Jahr 2004 als "Das Jahr der Erziehung durch Sport".
"Die Geschichte des Aktfotos", schreibt Michael Koetzle, "ist die Geschichte einer Faszination ... Keine andere Bildaufgabe hat so viele Sonderformen provoziert wie der Akt: von der ethnologischen Körperinterpretation bis zum Glamourfoto, von der FKK-Fotografie bis zum Pin-up unserer Tage."
Von 1852 bis um die Jahrhundertwende ist der erste Teil der Dokumentation überschrieben. Exemplarisch sehen wir frühe Lichtbilder - "Physique-shots" oder Fotografien der "Collection Athlétique". Edmond Desbonnet und Eugene Sandow oder Lionel Strongfort und Gugliemo Marconi waren die Exponenten dieser frühen Kulturistik, die sich nicht nur den grafischen und plastischen Vorbildern der Antike verschrieben hatte, sondern die auch mit den minutenlangen Belichtungszeiten ihre liebe Mühe hatten.
Mit Thomas Eakins, Eadweard Muybridge, Etienne-Jules Marey u.a. ist die Entwicklung der Chronofotografie dokumentiert. Ein vorurteilsloses und präzises Erfassen der Geheimnisse auch der schnellen sportlichen Bewegung . In Tau-senden von Reihenbildern hinterließen diese Fotografen ein wahr-haft enzyklopädisches Werk, das in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts z.B. im sportinteressierten "New York Herald" publiziert, begeistert aufgenommen wurde und ein neues figuratives und zugleich ästhetisches Bewusstsein schuf.

Die vielfältigen Reformbestrebungen, die durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen worden waren, sind im zweiten Teil der Ausstellung zu sehen, der mit Die Weimarer Zeit ... betitelt ist. Was schon vor 1910 mit der Jugend-, der Wander- oder der Schönheitsbewegung begonnen hatte, setzte sich nun z.B. im Neuen Sehen und in der Frei-Körperkultur (FKK) fort. In dieser Kultur des Ausprobierens - einer weitreichenden Lebensreform - vermischten sich "Lichtmenschen" und Lichtbildner wie Nu-di-sten und Fotografen nach dem versöhnlichen Motto "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein". Diese so kreative Be-wegung, u.a. von Rudolf Koppitz, Bruno Schultz, Helmi Hurt, Lotte Herrlich und Gerhard Riebicke oder von Frantisek Drtikol, Willi Baumeister oder auch dem Regisseur Wilhelm Prager ins Bild gesetzt, endete in Deutschland mit dem Jahr 1933. Es entwickelte sich, beeinflusst u.a. von italienischen Futuristen, ein hinterhältiger Heroismus. Dessen künst-le-rische, körpergeschichtliche und ideologische Widersprüchlichkeit offenbart sich beispielhaft in Leni Riefenstahl. Als wegwei-sende Künstlerin wurde sie zu einer nützlichen Aktivistin innerhalb der Körperästhetik der Nationalsozialisten, die letztlich vom Menschen zum Körper und vom Körper zum Material degenerierte.

Die Postmoderne und ihre Manierismen umfasst den dritten Teil unserer Übersicht ausgewählter Beispiele, die sowohl Traditionen verfolgt, als auch rebellischen Protest, poppige Gags und fragwürdige Moden zeigt.
Was als erregende Nackttherapie schon 1854 in Veldes in der Schweiz begonnen und sich über die sozialutopische Kolonie bei Ascona fortgesetzt hatte, ist aktuell von Michael von Graffenried am Neuenburger See dokumentiert worden. Eine Bewegung der "Lichtfreunde", die traditionell ohne Tabak, Alkohol und Fleisch leben, Toleranz und Pazifismus pflegen und ihr reformerisches Dasein in phonetischer Sprache niederschreiben.
Axel Gagelmann und Ulrich Joho erinnern uns daran, dass FKK in der DDR eine geduldete Massenbewegung geworden war - ein Stück richtiges Leben im falschen?
Die Amerikaner Robert Mapplethorpe, Herb Ritts oder Bruce Weber und Greg Gor-man setzen in ihren ästhetisierenden Arbeiten fort, was die Kulturistik der Jahrhundertwende mit den "Cartes de visite" begonnen hatte - und was als Akt- oder/ und Nacktfotografie in den Reihen des in-ter-nationalen Leistungssports unserer Ta-ge zur Mode geworden ist. Auch Günter Blum, Alexander Hassenstein, Joe McNally, Dieter Blum, Annie Leibovitz oder Helmut Newton, Diana Blok, Alvin Booth u.a. präsentieren in einem zum Teil pikanten Manierismus zum Motiv des sportlichen Aktes Elemente unserer Kultur. Einerseits ist sie nicht nur individualistisch und egoistisch, sondern andererseits auch narzistisch und exhibitionistisch. Die zweischneidige Frage sei erlaubt: Sind wir abermals in der Antike angekommen.
Schauen wir also hin, damit wir uns nicht selbst versäumen.

Priv. Doz. Dr. Peter Kühnst



Literatur:
Peter Kühnst (Hg.)
Naked Champions. Der sportliche Akt in der Fotografie. Texte: Peter Kühnst / Walter Borgers, Ed. Braus, Heidelberg 2004.
Peter Kühnst (Ed.)
Physique. Classic Photographs of Naked Athlets. Contributions by Walter Borgers.
Thames & Hudson Ltd., London 2004.
Peter Kühnst (Èd.)
Corps d' Athletes. Sport et naturisme dans la photographie. Textes Peter Kühnst et Walter Borgers.
Edition du Regard, Paris 2004.